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Krafttraining mit Kindern

Ein Bericht von Linnea Hölemann

(Sportwissenschaftlerin, M.A.)

 

Schon mal gehört: „Kinder dürfen auf keinen Fall Krafttraining machen, dass zerstört die Gelenke, beziehungsweise hindert sie sogar beim Wachsen! Auf keinen Fall mit Zusatzgewichten! Und wenn überhaupt Krafttraining, dann erst ab der Pubertät.“

Diese Aussagen sind Mythen, die sich wacker in den Köpfen der Menschen halten und gegen die es heißt anzukämpfen. Um einmal kurz auf die oben genannten Aussagen einzugehen und jedem somit das Handwerk zu legen, der dieser Auffassung ist, erläutere ich diese kurz. Natürlich besteht ab dem Moment, ab dem ich das Bett verlasse die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung, doch vergleicht man die Verletzungswahrscheinlichkeit bei 100h Training beim Krafttraining mit der beim Fußball, liegt sie beim Fußball bei 6,2% und beim Gewichtheben bei 0,0017%, also nicht nennenswert.

Dass Krafttraining die Gelenke, beziehungsweise oft damit assoziiert die Wachstumsfugen kaputt mache, kann nicht wissenschaftlich belegt werden, wird aber trotzdem immer wieder behauptet.

Kommen wir nun zu den interessanten Aussagen: Keine Zusatzgewichte!? Was ist ein Zusatzgewicht? Alles, womit ich meinen Körper erschwere. Also in dem Moment, in dem ich eine Wasserflasche von 0,5L in die Hand nehme, halte ich extern ein Gewicht und erschwere somit meinen Körper. Diese 500g sind also zu schwer? Diese 500g provozieren Schmerzen, dass ich das so auf keinen Fall machen darf? Natürlich nicht! Kinder, die im Handstand die Treppe runterspringen (Parcours als moderne Sportart als Beispiel) tragen ihr eigenes Körpergewicht und einiges mehr, da beim Treppensteigen weitere Kräfte biomechanisch auf den Körper verteilt wirken. Für ein Kind, welches dieses Kunstwerk schafft, sind 10kg in Form einer Langhantel lächerlich. Der Mythos, das Krafttraining am Wachsen hindere, ist leicht zu beantworten, da auch keiner behauptet, dass man vom Basketball wachse. Die Begründung, Krafttraining erst ab der Pubertät durchzuführen, da in dieser Zeit die vermehrte Testosteronausschüttung beginnt, würde bedeuten, dass Frauen nie Krafttraining machen dürften, da sie nie so viel Testosteron produzieren wie Männer. Also ist auch diese Aussage eine weitere Behauptung, die nicht stimmt.

Worauf kommt es also an: Es ist egal wie alt ein Kind ist, es kommt auf die Trainingserfahrungen an. Was macht das Kind in der Freizeit? Hat es Erfahrungen im Bereich des Krafttrainings, wie ist das Kind körperlich aufgestellt? Alles Fragen, mit denen der/die Trainer/in den IST-Wert des Kindes einschätzt und so das (Kraft-)Training strukturieren sollte.

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die absolute Muskelkraft von Kindern durch Krafttraining zunimmt. Zurückgeführt wird diese Tatsache auf die Verbesserung der neuronalen Verschaltung, das heißt, die Bewegung wird verstanden und dadurch ökonomisierter, also intensiver durchgeführt. Deswegen ist es so wichtig, dass der Schwerpunkt auf der Schulung von Technik liegt. Je besser die Basis eines Sportlers ist, desto endloser kann man ihn trainieren. Der passive Bewegungsapparat, also Sehnen, Bänder, Knorpel, Knochen passen sich den Belastungen an und werden so robuster. Neben den motorischen Fähigkeiten, wie z.B. die Sprungkraft, nimmt auch die athletische Leistung zu. Eine Studie zeigt, dass die Aufschlaggeschwindigkeit beim Tennis durch ein gezieltes Widerstandstraining des Oberkörpers zunimmt. Neben diesen Anpassungen, spielt auch die Verletzungsprophylaxe eine große Rolle. Die Aufgabe eines gezielten Athletiktrainings ist, wobei Krafttraining ein wichtiger Bestandteil ist, die Kinder und Jugendlichen, aber auch alle anderen Athleten und Athletinnen robust gegenüber ihren sportartspezifischen Anforderungen zu machen. Kraft ist die Basisfähigkeit, um eine Leistungssteigerung in den anderen konditionellen Fähigkeiten, besonders der Schnelligkeit, zu erlangen.

Mit Marie Gerdel (13) arbeite ich jetzt schon einige Zeit zusammen. Schwerpunkte in ihrem Training sind die Verbesserung der Schnelligkeit und Kraft und somit die Explosivität, welche im Tennis von sehr hoher Bedeutung sind. Um die mechanische Belastung von falschen Techniken bildlich aufzuzeigen, ist hier ein Bildvergleich eines Schlusssprungs zu sehen.

(Bild rechts, ihre Technik zu Beginn und Bild links, die momentane Ist-Technik.)

Krafttraining schützt die Gelenke. Habe ich zu wenig Kraft, brechen die Knie nach innen, ich bin also muskulär nicht in der Lage, den Sprung abzufedern. Der Körper „verzeiht“ ganz lange Bewegungen, die mechanisch gesehen nicht gut sind, aber irgendwann kommen die Schmerzen oder sogar Verletzungen wie Bänderrisse oder Knieprobleme als Folge von diesen Fehlbelastungen. Es gibt keine Pauschalantwort, wieso zum Beispiel die Knie einbrechen. Der Ursprung liegt jedoch oft am Kraftmangel in der Hüftabduktion und -außenrotation, in den Füßen oder an mangelnder Beweglichkeit im Hüftbeuger oder im Sprunggelenk.

Krafttraining ist also essentiell zur Verletzungsprophylaxe und ein wichtiger Bestandteil der Basisausbildung von Sportlern und Sportlerinnen. Egal ab welchem Alter, Krafttraining muss gut aufgebaut werden, was bedeutet, dass am Anfang die Technikschulung steht, auf der dann endlos sportartspezifisch aufgebaut werden kann. Es ist zu beachten, dass auch das eigene Körpergewicht manchmal zu viel sein kann. Es gilt den Körper nach und nach aufzubauen, sodass er den Anforderungen gerecht wird und muskulär in der Lage ist, sich selbst zu schützen.

Erst die Basis, dann das Vergnügen.

2018-06-28T12:38:13+00:00